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ISFRID KAYSER

 

ein Marchtaler Komponist  aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

 

Öffentlich gehaltener Vortrag anlĂ€ĂŸlich der ersten WiederauffĂŒhrung der „3 Parthiae“ nach ca. 200 Jahren am 13 April 1986, ungekĂŒrzt erschienen 23. April 1986 in der SchwĂ€bischen Zeitung Ehingen

 

Der Ehinger Pianist und Klavierlehrer Wolfgang Weller gab kĂŒrzlich im Munderkinger Rathaussaal ein Konzert mit Werken von Isfrid Kayser, die „Parthien" hatte Weller selbst fĂŒr die AuffĂŒhrung in einen verwendbaren Klaviersatz transponiert. Weller schilderte außerdem das Leben Kaysers und nannte Eigenheiten seines Komponierens. Im Folgenden druckt die SchwĂ€bische Zeitung Ehingen die AusfĂŒhrungen Wellers ungekĂŒrzt ab.

„An den Liebhaber der edlen Clavier-Kunst. Thales, der weise Griech, findet in Erhaltung seines Begehrens eine SĂŒĂŸe, der nichts vermag gleichzukommen; hingegen eine von ihrem Zweck entfernte Begierd hat etwas an sich, so Aristoteles lieber will einen Schmerzen, als eine Lust nennen. Wann nun gegenwĂ€rtiges Musicalisches Wercklein zu verfertigen sehr vielfĂ€ltig bin angegangen und ersuchet worden; hatte ich fast eine Nothwendigkeit, mich dieser Arbeit zu unterziehen, sofern nicht wollte der begehren­den Freunden und Bekannten Lust in einigen Unlust, und MindervergrĂŒgen abgeĂ€ndert se­hen. Folglich habe dieses mit göttlicher BeyhĂŒlff zu Stand gebracht, der getrösten Hoff­nung, das Angedencken der darbei gehabten MĂŒhe werde durch der Clavier-Liebhabern gĂŒnstigen Beyfall gewiß einiger massen versĂŒsset werden. Zum Muster habe mir eine Methode erkiesen, die dem Ruhm eines großen Clavier-Meisters letzt verflossene Jahr ein nahmhafftes beyleget. Bin ich diesem edlen Muster nahe oder gleich kommen, wovon gĂŒnstige Kenner urtheilen mögen, so habe mir von gleich geneigtem Beyfall und Begnehmung zu schmeicheln. In Erfolg dessen nicht ermanglen werde, den so nutzlich als edlen Clavier-Lust mit noch fernerem gleichen Vorrath zu nĂ€hren; massen des NĂ€chsten Nutzen und VergnĂŒgen zu dienen fĂŒr jederzeitiges Augenmerck gehabt. Lebe wohl!"

So lautet das zierliche Vorwort unseres Komponisten zu seinen drei Parthiae. Die verschnörkelten Wendungen, die liebenswĂŒrdige Ironie der Sprache des Meisters bildet eine stilistische Einheit mit seiner Musik und sicherlich auch mit seiner Persönlichkeit.

Wenn Isfrid Kayser Begriffe wie „Erhaltung des Begehrens", „Lust" und „Unlust" gebraucht, so meint er nichts anderes, als was Johann Mattheson in seinem sieben Jahre vor den Parthien, nĂ€mlich 1739 erschienenen Buch „Der Vollkommene Kapellmeister" folgendermĂ€ĂŸen ausdrĂŒckt; „Weil nun die Instrumental-Music nichts anders ist, als eine Ton-Sprache oder Klang-Rede, so muß sie ihre eigentliche Ab­sicht allemahl auf eine gewisse GemĂŒthsbewegung richten, welche zu erregen ... wol in Acht genommen werden muß." Allerdings war der Begriff der Ton-Sprache fĂŒr das damalige Musikdenken, fĂŒr das allgemeine musikalische Bewußtsein noch eine leichte Ungeheuerlichkeit. Rousseau etwa nannte die reine Instrumental-Musik schlankweg „Plunder". Instrumentalmusik galt grundsĂ€tzlich als nichtssagend und unberedt, wenn nicht ein vorausgeschicktes Programm, oder besser, eine Sinngebung ihr eine Rechtfertigung gab. Und das, obwohl die Emanzipation der Instrumentalmusik bereits weit fortgeschritten war und schon Calvisius in seiner „Melopoiia" 1602 feststellte, daß Musik auch ohne Text Macht habe, die Leidenschaften zu rĂŒhren.

Bekannt sind jedem Klavierspieler die gewaltigen TitelĂŒberschriften etwa der Werke J. S. Bachs, die klar Sinn und Zweck und Nutzen klarlegen; z. B, das „Wohltemperirte Klavier": „...zum Nutzen und Gebrauch der lehrbegierigen musicalischen Jugend etc." Auch Isfrid Kayser unterwarf sich noch dieser Tradition und nannte sein Werk „Concors Digitorum Discordia“,  ein sehr pointiertes, kaum zu ĂŒbersetzendes  Wortspiel; nennen wir es sehr frei „Einheit der Darstellung durch saubere Fingertrennung. Dies deutet auf einen lehrhaften Zweck der hin, zumal der Untertitel hierin bestĂ€tigt: „In discipulorum aeque, ac Instructorum usum & utilitatem elaboratae" (zum Gebrauch von von SchĂŒlern und Lehrern ausgearbeitet). Sollte der Titel nicht nur aus Mode oder Konvention oder aus GrĂŒnden der Verkaufsförderung gewĂ€hlt worden sein, sondern in der Tat das didaktische Konzept herausstellen, dann hat es Kayser in seiner Musik gut verstanden, dies zu verheimlichen. Denn an EtĂŒde, Übung, trockenen Nutzen gemahnt uns beim Hören nichts.

Wer war nun dieser liebenswĂŒrdig-ironische, geistreiche und anscheinend etwas widersprĂŒchliche Isfrid Kayser?

Am 13. MĂ€rz 1712 wurde Kayser in TĂŒrkheim an der Wertach geboren und auf die Namen Laurentius Antonius getauft. Sein Vater war Schulmeister und Organist des Ortes; der junge Kayser war also schon in frĂŒher Kindheit mit der Musik bekannt. Der Vater legte Wert auf eine solide Bildung und schickte den ungefĂ€hr zehnjĂ€hrigen Knaben nach MĂŒnchen zum Bruder am dortigen Jesuiten-Gymnasium, der sicher das Beste aus dem Neffen machen wollte. Laurentius lernte hier vor allem die vollkommene Berherrschung der lateinischen Sprache bis hin zu Rhetorik und Poesie, damit gleichzeitig das antike Bildungsgut in seiner Bedeutung fĂŒr eine christliche Weltanschauung. Gelehrt wurde ausschließlich in lateinischer Sprache; eine weitere Übung war die AuffĂŒhrung lateinischer Schuldramen. Hinzu kamen aber auch die aktive Beherrschung des Griechischen in Deklamation und Reden, römische und griechische Geschichte, Theologie, HebrĂ€isch, Chronologie, Mythologie, Philosophie und Mathematik. Vorbilder waren in der Theologie Thomas v. Aquin, in der Philosophie Aristoteles und in den Humaniora Cicero.

Daneben nahm Kayser Orgelunterricht bei seinem Onkel, und er hat sicher auch eine stimmliche Ausbildung genossen, um im SchĂŒlerchor mitwirken zu können; doch ist darĂŒber nichts Genaues ĂŒberliefert. Über seine damalige MĂŒnchner Zeit steht in seinem Nachruf: „Er durchlief das Gymnasium mit allem Lob. Dabei bliesen die Orgelpfeifen, welche zu beleben er vorzĂŒglich verstand, ihm selbst LebenskrĂ€fte zu."

Nach Abschluß der Schule trat Kayser dem reichsunmittelbaren PrĂ€monstratenserkloster zu Marchtal bei und erhielt nach Aufnahme den Klosternamen Isfrid nach dem gleichnamigen PrĂ€monstratenser-Bischof aus Ratzeburg, der Wasser in Wein verwandelt haben soll. 1732 erfolgte die Profeß auf den Kanonikerorden und 1737, nach Abschluß der notwendigen weiteren theologischen Ausbildung, feierte er Primiz.

Zu jener Zeit wurde an Klöstern und Höfen Oberschwabens mit großem Eifer musiziert. Zwar wurden Gesang, Orgelspiel und Orche­stermusik zunĂ€chst in den liturgischen Dienst gestellt, doch wurde auch ausgiebig weltlich musiziert. Die oberschwĂ€bischen PrĂ€monstratenser brachten nĂ€mlich von ihren Reisen zu den Generalkapiteln in Paris HöreindrĂŒcke und sicher auch Noten etwa der Arien von Philidor, Gossec, Gretry und vielen anderen Komponi­sten mit, die sich mit den damals in Mode ge­kommenen „Comedies en vaudeville" oder „Comedies melees flariettes", also Stegreifkomödien unter Anspielung auf Tagesereignisse, beschĂ€ftigten. Diese EindrĂŒcke mĂŒssen um die Jahrhundertmitte bereits assimiliert gewesen sein und haben sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Vertonung der Schulkomödien durch Kayser ausgewirkt.

 

Memminger Ochsenwirt, Rousseau und Schikaneder

 

Die Bedeutung des französischen Einflusses auf unsere Gegend lĂ€ĂŸt sich am Beispiel des Ochsenwirtes Reineck von Memmingen ermessen: Er machte in Frankreich eine Kaufmannslehre, ließ in Lyon eine von ihm komponierte Oper auffĂŒhren und erregte die Aufmerksam­keit Rousseaus, der Reinecks Oper in Paris zur AuffĂŒhrung verhelfen wollte. Dreißig Jahre spĂ€ter war Reineck immer noch Komponist und Wirt des Weißen Ochsen in Memmingen und sollte durch die Bekanntschaft mit Schikaneder, dem Textdichter Mozarts, unsterblich werden. Denn dieser nahm Reinecks „Lied eines Vogelstellers" mit nach Wien und benutzte es fĂŒr die „Zauberflöte": die Musik blieb unverĂ€ndert, jedoch der Text wurde neu gefaßt, so, wie ihn jetzt Papageno singt. Bemerkenswert in dieser Bei­spielsammlung schwĂ€bischer Musikbeziehungen zwischen Paris und Wien ist auch Sixtus Bachmann, der fĂŒnf Jahre vor KaysersTod 1766 mit Mozart auf der Orgel wetteiferte, ehrenvoll bestand und 1771, im Todesjahr Kaysers, den PrĂ€monstratensern Marchtals beitrat.

Isfrid Kayser nun wurde ein Jahr nach seiner Primiz, also 1738, vom Abt Ulrich dispensiert und kam nach Ulm zum damaligen MĂŒnsterorganisten und Musikdirektor Conrad Michael Schneider. Dieser Mann sollte entscheidend werden fĂŒr Kaysers musikalische Entwicklung. Wir lesen im Vorwort zur Messe op. II von 1743: „Den Fortschritt, wenn nicht gar den Anfang meiner Orgelkunst schreibe ich deinem Wohlwollen zu." Und nicht nur fĂŒr das Orgelspiel, sondern auch in der Komposition wurde Schneider zum Vorbild fĂŒr Kayser. So findet sich bereits im zweiten Teil der sechsteiligen KlavierĂŒbung Schneiders jener 5/8-Takt, den wir vorhin im Passepied der ersten Kayser'schen Parthia vernommen haben; und es ist zu vermuten, daß Kayser mit seiner Bemerkung im Vorwort „Zum Muster habe mir eine Methode erkiesen..." seinem Lehrer die Ehre erwiesen hat. In jener Ulmer Zeit bis 1740 hat Kayser aber auch noch einen weiteren Gönner in dem nachmaligen Abt Michael KĂŒhn gehabt, was mit seiner musikalischen TĂ€tigkeit fĂŒr das Augustinerchorherrenstift bei der Ulmer Wengenkirche zusammenhĂ€ngt. Dieser Michael KĂŒhn wird in einer den drei Parthien vorange­stellten lateinischen Ode des Verfassers u.a. folgendermaßen gerĂŒhmt: „Daß ich unter den Musikern einen Namen habe, verdanke ich Dir. Deiner FĂŒrsorge verdanke ich dies, Du bist die Fackel meines Geistes." Wirklich muß KĂŒhn ein adĂ€quater Geist gewesen sein; er förderte Wissenschaft und Kunst, verschaffte dem Kloster eine Vielzahl guter BĂŒcher und schrieb eine Geschichte des Wengen-Klosters in lateinischer Sprache.

Nach Beendigung seiner musikalischen Fortbildung kehrte Kayser um 1740 nach Marchtal zurĂŒck und hatte von nun an, wie in den SchwĂ€bischen Akten zu lesen ist, „den Posten des Chordirektors inne als gar strenger Kritiker der Musiker." Kayser muß sehr klare Vorstellungen von Musik gehabt haben; jedem seiner Werke stellte er ein Vorwort voran mit auffĂŒhrungspraktischen ErlĂ€uterungen und Vorschriften. Die Notwendigkeit dazu ergab sich aus der Neuheit der musikalischen Vorstellungswelt, wie er selbst bemerkt: „Methode facili et moderna elaborata" (leichte, gefĂ€llige Art, moderne Ausarbeitung). Die revolutionĂ€re Neuheit eines 5/8-Taktes haben wir schon er­wĂ€hnt, es kommt aber in den drei Parthien noch ein neues formales Element hinzu: die einzelnen SĂ€tze knĂŒpfen sowohl an die traditionelle Suite als auch an die Sonatenform an, wenn auch die zweite Themengruppe noch nicht deutlich getrennt wird. Nach allem muß man Kayser zu einem musikalischen Avantgardisten seiner Zeit rechnen, bei dem die allerneuesten Ideen auf fruchtbaren Boden fielen: die neufranzösische Leichtigkeit und Eleganz, die revolutionĂ€ren rhythmischen Erfindungen Schneiders und die neuen Formen etwa in Giovanni Plattis 1742 in NĂŒrnberg erschienenen Sonaten.

Im Gegensatz zur Avantgarde unserer Tage verlor Kayser jedoch nie die Verbindung zu sei­nen Hörern. Dazu aus den „SchwĂ€bischen Akten": „Ein Stil, mit der WĂŒrde der Kirche in höchstem Einklang, der MajestĂ€t des Tempels angemessen." Dieser Satz aus dem Nachruf wird ergĂ€nzt durch eine Aussage, die beweist, daß die neue Musik nicht nur einfach gerne gehört wurde, sondern sogar besonders willkommen war: „Unsere Kanonie verdankt Isfried die Form einer gepflegteren Musik, nachdem er die allzu ungeschlachte, alte und bleierne Form gĂ€nzlich beseitigt hatte."

Zwischenzeitlich war Kayser von 1741 - 1743 noch abgelenkt durch das Amt eines Pfarrhelfers im angrenzenden Dorf Obermarchtal, konnte sich dann aber vollstĂ€ndig seinem Schaffen widmen, so daß die Jahre bis 1746 in frucht­barer IntensitĂ€t die Werke op. 2 bis 4 hervor­brachten, u.a. jenes op. 4 der drei Parthien, die 1746 bei Rieger in Augsburg erschienen sind.

 

Theatermusik fĂŒr die UniversitĂ€t Dillingen u.a.

 

Der Hauptstiftungszweck des PrĂ€monstratenserordens war die Seelsorge, und weil KlosterbrĂŒder alle gleich sind, fiel auch die hohe Begabung Kaysers dieser Gleichheit zum Opfer: er wurde ab 1747 sechs Jahre lang Pfarrhelfer im vorderösterreichischen StĂ€dtchen Munderkingen, als Beauftragter und Vertreter der Gerechtsame  des Klosters. Man muß fĂŒr Kayser also den Widerspruch zwischen religiöser Sendung, institutionellem Auftrag und kĂŒnstlerischem Wollen festhalten. Dieser Widerspruch wurde insofern gemildert, als er Kompositionen fĂŒr die Institutionen schrieb, wie z.B. die Musikpartien zu den Schulkomödien des Klosters, Offertorien, die er in Ulm drucken ließ, Theatermusik fĂŒr die UniversitĂ€t in Dillingen und die PrĂ€monstratenser in Mönchsroth (heute Rot a.d. Rot). Immerhin wurde er fĂŒr diese sich ab 1749 hĂ€ufenden KompositionsauftrĂ€ge auch or­dentlich honoriert und erhielt auch Zahlungen aus dem Verkauf seiner gedruckten Werke, de­ren Drucklegung in Ulm er meist persönlich ĂŒberwachte. Auch als MĂ€zen muß er aufgetreten sein, denn es ist ĂŒberliefert, daß er ein in Munderkingen aufgefĂŒhrtes Passionsspiel oder -bild mit 30 Kronen unterstĂŒtzt hat. Den vielleicht letzten Auftrag aus Wengen erhielt er 1753, seinem letzten Jahr als Pfarrhelfer in Munderkingen. Inzwischen hatte nĂ€mlich Wengen selbst einen hervorragenden Kompo­nisten vorzuweisen: Pater Josef Lederer.

Auch nach Ehingen sind Beziehungen nachzuweisen, wo er der AuffĂŒhrung von Schulkomödien beiwohnte, vermutlich seiner eigenen, die er von den Gymnasiasten in Generalprobe auffĂŒhren ließ.

Nach den kĂŒnstlerisch ertragreichen Munderkinger Jahren trat nun mit der Versetzung in die Pfarrei Seekirch am Federsee eine mehrjĂ€hrige Schaffenspause ein. Den Grund verstehen wir, wenn wir seine Aufgaben anhand von Heiligenrechnungen nachlesen: „Im einzelnen hatte Pater Isfrid der Gerechtsame seiner PfrĂŒnde zu wahren und vor Übergriffen zu schĂŒtzen, fĂŒr eine geordnete Ablieferung der Zehnten Sorge zu tragen, die KirchenbĂŒcher zu fĂŒhren, die Polizeigewalt zu handhaben, gegen Aberglauben und MißbrĂ€uche einzuschreiten und sie abzuschaffen, die Kirchenzucht in der ĂŒblichen Strenge auszuĂŒben und Gottesdienst und Seelsorge einzurichten."

Erst 1756 wird wieder Musisches berichtet, u.a. pflegt Kayser Beziehungen nach Biberach, wohin er viermal reiste und drei Proben beiwohnte; ob eigener StĂŒcke, ist nicht ĂŒberliefert. Auch bemĂŒhte er sich, die Gottesdienste in See­kirch auf seine Weise zu verschönern, indem er z.B. auch einmal eine SĂ€ngerin engagierte.

Von 1758 -1760 finden wir Kayser als Pfarrhelfer in Kirchbierlingen; wo er, den unzĂ€hligen Getreiderechnungen nach zu urteilen, der Kornmeister gewesen sein muß.

Von 1761 -1767 war Kayser immer Pfarrhelfer bzw. Pfarrer abwechselnd in Munderkingen und Sauggart. Nichts Musikalisches wird mehr erwĂ€hnt, die Handschrift der Rechnungen wird immer zittriger und unentzifferbarer, er macht eine Tretkur in Ulm, konsultiert hĂ€ufig Ärzte und schluckt Medikamente, ißt nur noch GeflĂŒgel und Fisch. Trotz des sich zunehmend ver­schlechternden Gesundheitszustandes unternimmt Kayser immer noch Reisen nach Ulm, Innsbruck und MĂŒnchen, besucht seine geistlichen und leiblichen BrĂŒder in Schussenried, Rot, Zwiefalten und Mittelbiberach.

Nach Ehingen reist er viermal im Jahr zu Barbier Pindl, um sich zu Ader zu lassen. Den Blutverlust ersetzte er dann mit Rebenblut. Wie nötig der Wein fĂŒr ihn war, kann man in den Rechnungen nachlesen, in denen unter der Überschrift „Recreation" steht: „Wein fĂŒr mich tempore compositorum". Oder er schreibt: „Extra wein, die Lebensgeister zur Komposition zu erhalten." Er trank aber auch gerne in Gesellschaft, wie er selbst bezeugt, mit anderen Geistlichen und bevorzugte Burgunder- und Bodenseeweine. Außerdem war er ein leidenschaftlicher WĂŒrfler und Kartenspieler. Einmal notiert er: „verschiedene mahlen in die zĂ€ch verspihlet." Er war aber auch wohltĂ€tig, verschenkte seine alten Kleider an Arme, weil er sich fĂŒr seine Reisen und Auftritte jedes Jahr einen neuen Sommer- und Winterhabit anfertigen lassen mußte.

Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit und des vorgerĂŒckten Alters wurde er 1767 mit 55 Jahren ins Kloster zurĂŒckberufen, zum Sub­prior berufen und hatte als solcher die Aufsicht ĂŒber die Konventualen zu fĂŒhren. Sein letztes Amt war ab 1770 die KĂŒchenprĂ€fektur; „am Schluß zeigte er sich als strenger KĂŒchenprĂ€fekt zwischen SchĂŒsseln und Kochtöpfen", wird im Nachruf vermerkt. Im selben Jahr erlebte er noch den Besuch der vierzehnjĂ€hrigen Mari Antoinette am l. Mai „in dem Reichsstift Marchtall in Schwaben, in dem sie die Nachtruhe zu nehmen gnĂ€digst beliebte". Zu diesem Anlaß schrieb Kaysers Freund und Mitkonventuale Sebastian Sailer ein Festspiel mit dem Titel „Beste Gesinnungen schwĂ€bischer Herzen", welches, wie auf dem Titelblatt zu lesen ist, „in einer einfĂ€ltigen Cantate abgesungen wurde, in der vier Untertanen des Bauernstandes ihre Huldigung darbrachten, wobei sie sich auch mit devotestem Respekt ĂŒber die Frondienste beklagten". Ob die zugehörigen Arien und ChorsĂ€tze von Kayser stammen, ist nicht ĂŒberliefer aber wahrscheinlich. Kayser vertonte nĂ€mlich öfter Gedichte von Sailer. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: „Wenn Sailers Verse sich in Kaysers Töne mengten und durch das Ohr und Herze drĂ€ngten."

Nach dieser letzten Sternstunde Ă€ußerer Ereignisse verschlechterte sich Kaysers Gesund- heitszustand immer mehr. Wir entnehmen dem Nachruf: „Aber er beendete seine Tage, sein Fuß, dessen langsameren Schritt er lange beklagte, war von der FĂ€ulnis so angefressen, daß er sich den einen oder anderen Zeh amputieren lassen mußte. Als aber das Leiden sich verschlimmerte, da hatte er an den Chirurgen genug; als schließlich noch der Krebs sein Innere verwĂŒstete, starb er unter Schmerzen inmitten seiner BrĂŒder am l. MĂ€rz 1771 im Alter von 59 Jahren, nachdem er alles fĂŒr sein Seelenheil fromm empfangen hatte."

In Anspielung seines Namens sagt Sebastan Sailer in seinem Nachruf: „In Wirklichkeit war Isfrid nahezu ein CĂ€sar unter den Musiken Schwabens, mag man ihn als Organist oder Komponist betrachten." Und zwanzig Jahre spĂ€ter urteilt J.F. Christmann: „Er war in allen Betracht ein besserer Tonsetzer zu seiner Zeit als es viele mitten in unsern schönen Musikzeiten sind; denn es fehlte seinen Kompositioner oft nichts, als die Tinte des welschen Geschmacks und hoher Geistesschwung." Was unsere drei Parthien anlangt, so können wir zumindest der ersten EinschrĂ€nkung nicht zustimmen. Denn wir haben fĂŒr sie die französischen und vielleicht auch italienischen EinflĂŒsse, also des „Welschen", nachgewiesen. Daß gleichzeitig eine gewisse UnabhĂ€ngigkeit und OriginalitĂ€t besteht, schĂ€tzen wir eher positiv.

Was den „hohen Geistesschwung" betrifft, so erhebt sich die Musik der Parthien sicher nicht zur Stufe der GenialitĂ€t, ĂŒbertrifft aber an Klangsinn, Esprit und OriginalitĂ€t manche frĂŒhe Haydn-Sonate. Was Isfrid Kayser mit den Parthien bezweckte (wenn er sie als KĂŒnstler nicht ĂŒberhaupt zweckfrei komponiert hat) war wohl nicht mehr und nicht weniger, als angenehm und gemĂŒtsergötzend Spieler und Zuhörer zu unterhalten.

In den schnellen SĂ€tzen funkeln die Geistesblitze einer geschliffenen Konversation, die langsamen rĂŒhren an das GefĂŒhl, aber nicht allzusehr, um nicht durch SentimentalitĂ€t zu belĂ€stigen. Vielleicht hat Kayser nie wieder jenen hohen Grad von Zweckfreiheit und Schwerelosgkeit erreicht, als in diesen drei Parthien, jung und von Krankheit und institutionellem Auftrag unbehelligt, kĂŒhn das Neue suchend und entdeckend, dabei menschenfreundlich, menschennah, doch auch spielerisch und ironisch distanziert. Wer in der Musik irgendwelche bodenlosen Tiefen sucht, wie es gerade die deutschen Musikkritiker bei der möglichen und unmöglichen Gelegenheit unternehmen, und das Fehlen von Tiefe fĂŒr einen Mangel an QualitĂ€t nehmen, der hat nicht begriffen, wie ergötzlich und labend eine schöne, glĂ€nzend ziselierte OberflĂ€che dem menschlichen Sinne sein kann.

© Wolfgang Weller 1986.

 

Bibliographische Angaben

Die Grundlage fĂŒr die biographischen Angaben zu diesem Vortrag lieferte die Arbeit von Klaus Aßfalg aus dem Jahre 1971 an der PĂ€d. Hochschule Weingarten (100 Seiten, maschinengeschrieben vervielfĂ€ltigt); sie enthĂ€lt auch viele Dokumente in Kopie. Weiter wurde herangezogen der Artikel „Isfrid Kayser“ aus „Musik in Geschichte und Gegenwart“ (MGG), dazu das Original der Kayser-Noten  bei Rieger  in  Augsburg 1746.

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