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Gottfried Linder

Quelle: F. M. Weber, Ehingen, 2. Auflage 1980

Klavierwerke von Gottfried Linder (1841 – 1918)

Einf├╝hrung zu einem Konzert am 20. Juni 2000 im Konzertsaal des ehem. Franziskanerklosters in Ehingen, erschienen in der Schw├Ąbischen Zeitung Ehingen am 14. Juni 2000.

Seit 1867 war Linder f├╝r 45 Jahre Klavierlehrer am Stuttgarter Konservatorium. Sein Name als Komponist von Oratorien, Opern und Ch├Âren war bis nach England und Amerika hin├╝ber gesch├Ątzt. Als Klavierkomponist war Linder haupts├Ąchlich als Verfasser von Solokadenzen f├╝r s├Ąmtliche Klavierkonzerte W. A. Mozarts bekannt.

Seine Spur in der Musikgeschichte verlor sich schnell und gr├╝ndlich nach dem Ersten Weltkrieg. Eine letzte ehrenvolle Erw├Ąhnung fand Linder in dem ÔÇ×Wegweiser durch die Klavierliteratur", Verlag Hug, 10. Auflage 1925, von Adolf Ruthardt. Hier wird aber nur noch auf die Kadenzen ÔÇ×des Stuttgarter Professors" Bezug genommen, ÔÇ×die sich bestens zu Studienzwecken eignen".

Viele Namen in der Musikgeschichte sind glanzlosem Vergessen anheim gefallen. Linder sicher zu Unrecht.

 

Fantaisie serieuse cis-moll

 

 

Ohne Opuszahl und Jahr, jedoch mit allen Z├╝gen eines Sp├Ątwerkes, voll herber M├Ąnnlichkeit und Tragik, aber auch Hoffnung; am Ende die Apotheose in Cis-Dur. Die Verwendung bestimmter Harmonien geh├Ârt ganz individuell dem Komponisten und kommt so in der Klavierliteratur sonst nicht vor (Gestaltung von Septimakkorden, synchrone enharmonische Verwechslung, etc.). Erstaunlich auch der weit entwickelte Klangsinn, der am Ende des St├╝ckes zu einem Moment f├╝hrt, den der Russe Sergej Rachmaninoff fast w├Ârtlich f├╝r den Beginn seines zweiten Klavierkonzertes verwendet hat. Von den Klavierwerken, welche die Landesbibliothek Stuttgart in Manuskripten und Drucken aufbewahrt, geh├Ârt es zum Gehaltvollsten aus Linders Feder. Das Manuskript ist ├╝brigens eine Abschrift offensichtlich nicht von Gottfried Linders Hand. Sie enth├Ąlt eine Vielzahl orthographischer Fehler und macht einen fl├╝chtigen Eindruck. Das Werk wurde von Wolfgang Weller herausgegeben und von dem ├ľpfinger Verleger Oliver Woog in der Edition Canavas ver├Âffentlicht. Die Noten sind unter der Bestellnummer CA 011946 im Handel erh├Ąltlich.

 

Waldidyll. Tonbild f├╝r Pianoforte op.15

Beendet am 4. August1877 und einer Miss Adele Hastings gewidmet. Gottfried Linder hat sich anscheinend immer ├╝berlegt, f├╝r wen er schreibt, vielleicht sogar (vor allem die gedruckten Kompositionen) erst auf Bitten des jeweiligen Widmungstr├Ągers geschrieben. Das Waldidyll ist ein rechtes Damenst├╝ck, nicht schwer zu spielen, verlangt aber klangliche Delikatesse,  cantables Spiel, sanften Ausdruck. Dennoch ist es trotz seines Salontitels kein Salonst├╝ck. Der Komponist Linder tritt immer wieder durch diese oder jene originelle Klangwirkung und solide handwerkliche Arbeit hervor. Man merkt: das Allzugef├Ąllige, gar Triviale war seine Sache nicht. Linder hat f├╝r einige Klavierdamen komponiert, u.a. f├╝r Johanna Klinckerfu├č, die mit der damals (1881) schon legend├Ąren Clara Schumann in Stuttgart an zwei Fl├╝geln konzertiert hat.

 

Andante serioso und Concert-Polonaise op. 13

Dem Liszt-Sch├╝ler und Hofpianisten Prof. Dr. Dionys Pruckner gewidmet. Seinerzeit ein bekannter Mann und Kollege Linders (der zuvor dessen Sch├╝ler war) am Stuttgarter Konservatorium. Linder zieht hier alle virtuosen Register, der Klavierstil ist eine Mischung aus Liszt, Chopin und Brahms, wird aber sehr pers├Ânlich modifiziert. Das vorausgehende Andante ist eine besonders wertvolle Komposition, in der mehr Gedankeninhalt steckt als z. B. in dem entsprechenden Andante spianato von Chopin. Gerade deshalb hat aber Linders Andante nicht jene unmittelbare Wirkung wie das Andante spianato Chopins. Linders Musik, vor allem die langsamen S├Ątze, erschlie├čen sich oft erst nach mehrmaligem Zuh├Âren, seine thematischen Einf├Ąlle sind nicht von der genialen Unmittelbarkeit eines Liszt oder Chopin. Welchen Rang Linder dennoch als Komponist einnimmt, erkennt man aber daran, da├č man ihn ganz selbstverst├Ąndlich mit den Gr├Â├čten vergleicht.

Die Polonaise ist charakteristisch gelungen und mit allem virtuosen Feuer der Nach-Liszt-├ära ausgestattet. Auch hier Momente der Besinnung voller Polyphonie, die den Sturm wieder d├Ąmpfen. Ein Werk, das der Herr Hofpianist sicher nicht im Vorbeigehen erledigen konnte. Der feine Humor Linders wird aus einem kurzen, f├╝r die Zuh├Ârer absolut unauff├Ąlligen Zitat aus Franz Liszts Konzertet├╝de ÔÇ×Gnomenreigen" deutlich, just jener Et├╝de, welche dieser  seinem   Sch├╝ler Pruckner einst gewidmet hatte.

Zwei Dinge m├╝ssen nun unternommen werden, um dem Ehinger Komponisten Gottfried Linder die geb├╝hrende Beachtung und Bekanntheit zu verschaffen (und zwar in erster Linie aus k├╝nstlerischem Ermessen, dann aber auch aus angemessenem Lokalpatriotismus): Ein Verlag mu├č gefunden werden, und die wichtigsten Werke sollten auf Tontr├Ąger eingespielt werden. F├╝r dieses wichtige Projekt ist die Ehinger Kulturpolitik gefordert.

© Wolfgang Weller 2000